5. Das kleine saure Gürkchen - Die Mitarbeit der Kinder ernst nehmen

Unser Blick fällt wieder auf unser kleines, trauriges Gürkchen. (Foto: M.Ihle)

Gut gecoacht von meiner Freundin Karola funktioniert die Mitarbeit meiner Kinder im Haushalt seit ein paar Wochen gut: Die Kinder halten sich an ihre selbst gestalteten Pläne und erledigen ihre selbst gewählten Arbeiten.

Doch schneller als befürchtet kommt der Abend des Tages, an dem weder mein Großer die Milch eingekauft hatte, wie er es sich vorgenommen hatte, noch mein Kleiner unsere geschnitzten, antiken Holzstühle mit seinen kleinen Fingerchen vom Staub befreit hatte.


Gut gecoacht von meiner Freundin Karola funktioniert die Mitarbeit meiner Kinder im Haushalt seit ein paar Wochen gut: Die Kinder halten sich an ihre selbst gestalteten Pläne und erledigen ihre selbst gewählten Arbeiten.

Doch schneller als befürchtet kommt der Abend des Tages, an dem weder mein Großer die Milch eingekauft hatte, wie er es sich vorgenommen hatte, noch mein Kleiner unsere geschnitzten, antiken Holzstühle mit seinen kleinen Fingerchen vom Staub befreit hatte.

 

Für diese Situation hatte mir Karola noch keinen Rat gegeben. Ich selbst hatte in letzter Zeit gespürt, dass ich meine Kinder nicht mehr „schimpfen“ mochte, seit sie so regelmäßig Dinge erledigten, die mir eine echte Entlastung waren. Nicht nur, dass es mich „gut gestimmt“ machte. Es hatte sie selbst auch verändert: sie waren vernünftiger und selbstbewusster und auf eine gute Art „reifer“ geworden. Erst viel später habe ich beim „Erziehungsguru“ Jesper Juul dafür das schöne Wort „Gleichwürdigkeit“ gelesen. Wenn sie so kleine emsige Arbeiter waren und mit Eifer ihre Aufgaben erledigten, dann ließ sich dieses „Gleichwürdigsein“, das Juul im Umgang mit Kindern vorschlägt, richtig spüren.


An diesem Abend allerdings steigt Ärger in mir auf – und ich bin mir sehr bewusst, dass es keine Alternative ist, über ihre Nachlässigkeit einfach hinweg zu gehen. Eine Maßregelung nach dem Prinzip „Wenn ihr nicht, dann…“ kommt aber irgendwie auch nicht in Frage. Guter Rat ist teuer.


Ich schaue mich lustlos in der Küche um, denn beim Familienrat war auf meinem Arbeitsplan für heute „Abendessen machen“ gelandet. Mein Blick fällt auf einen angeknabberten Brötchenrest und auf ein einzelnes, winziges Cornichon, das einsam im trüben Essigwasser schwimmt. Da packt es mich und ich stelle das Gurkenglas auf den Tisch, lege den ärmlichen Brötchenrest daneben und rufe die Kinder zum Essen. Sie setzen sich: „Hey, Mama, was soll denn das?“ „Wenn ihr eure Aufgaben nicht macht, habe ich auch keine Lust.“ Sie schauen mich lange an, sie schauen mich bange an. Wie das Meerschweinchen im Gedicht von Joachim Ringelnatz , das wir gerade gemeinsam auswendig gelernt hatten. Dessen bange Frage war: “Wo ist das Meer?“ Die bange Frage meiner Kinder ist nicht nur: „Wo ist das Essen?“, sondern auch „Wo ist die Mama, auf die man sich verlassen kann?“ Sie spüren: Die Lage ist ernst.


In dem Augenblick kommt uns auf wundersame Weise das Schicksal zu Hilfe: Wir können nämlich durch unser Küchenfenster auf den Esstisch des Nachbarhauses schauen: Dort sitzen Vater und Söhnchen erwartungsvoll am Tisch und die Mutter bringt gerade - ein volles Gurkenglas! Es folgt ein Korb mit Brötchen. Dann bringt sie eine Platte vollgeladen mit Wiener Würstchen herbei. Wir starren indiskret – und hungrig. Dann fällt unser Blick wieder auf unser kleines, trauriges Gürkchen auf dem Boden des trüben Glases – und wir brechen alle in Lachen aus.


Schnell machen wir dann gemeinsam Abendbrot – und danach erledigen die Kinder ihre Pflichten.


Was hatte uns so sehr zum Lachen gebracht? Ich glaube, es war nicht nur die grotesk unterschiedliche Mahlzeit, sondern uns allen wurde klar: Bei uns gibt es keine „Service-Kraft- Mutter“, sondern alle, auch die damals noch relativ kleinen Kinder, werden ernst genommen Das, was sie tun, hat Bedeutung! Das macht sie stolz – und „gleichwürdig“. Ihr Verhalten hatte eine „Konsequenz“ gehabt, aber keine in einem pädagogischen Gefälle: Die Mutter hatte weder geschimpft noch gemaßregelt. So konnte sich die Situation für uns alle im gemeinsamen Lachen auflösen. Wenn uns auch an diesem Abend der Zufall zu Hilfe gekommen war, so hatte doch auch ich etwas Wichtiges gelernt: Konsequenzen, die sich aus dem Verhalten logisch ergeben („wenn ihr eure Arbeit nicht macht, habe ich auch keine Lust“) sind wesentlich weniger demütigend, als zu strafen oder zu schimpfen.


Noch am gleichen Abend forderten die beiden ein, dass wir beim nächsten Familienrat beschließen sollten, wie sichergestellt wird, dass jeder seine Pläne auch einhält.

Beate Allmenröder