2. Mein Bekehrungserlebnis - Lukas und das Kehricht-Häufchen

Zu Gast bei meiner Freundin Karola und ihren beiden Kindern. Lange ist die Trennung von ihrem Mann noch nicht her. Der 5-jährige Lukas ist schlecht drauf – und meine Freundin scheint mit den Nerven schon ziemlich am Ende.

„Das Kind treibt mich in den Wahnsinn“, stöhnt sie. „Ich soll die kids mithelfen lassen, hat mir die Familientherapeutin gesagt. Wunderbare Idee! Mein Knabe tut aber nicht, was er tun soll!“ „Was soll er denn machen?“ frage ich. „Sollen ist eigentlich der falsche Ausdruck. Er durfte sich ja aussuchen, was er machen will. Gestern war er noch ganz begeistert von der Idee, die Treppe zu fegen.“

„Da war ja richtig viel Dreck!“, zeigt Lukas uns stolz das Kehrblech. (Foto: M.Ihle)

 


„Mensch, dein Kind hat gerade eure Trennung hinter sich. Da musst du ihm auch mal zugestehen, dass es ihm nicht so gut geht.“ Karola schaut gequält: „Ja, wahrscheinlich hast du recht. Dann mache ich es nachher schnell selber. Aber jetzt koche ich uns erst mal einen Kaffee.“ Da hören wir schon wieder Geschrei und Gejammer aus dem Kinderzimmer. Irgendeiner Eingebung folgend ruft Karola genervt – und entsprechend energisch - ihrem Kind dann doch zu: „Kehre jetzt endlich die Treppe! Du hast es dir doch selber ausgesucht! Tu es einfach!“

 

Daraufhin verschwindet Lukas tatsächlich – wenn auch wie ein Rohrspatz schimpfend – mit Kehrblech und Handfeger im Treppenhaus.

 

Dann das Wunder: 20 Minuten später geht die Tür wieder auf, vor sich her trägt Lukas das Kehrblech mit dem Kehricht, strahlt – und erinnert in Nichts an das missgelaunte Kind, als das er zu seiner Arbeit gestartet war. „Da war ja richtig viel Dreck!“ hält er uns stolz seine „Beute“ unter unsere Nasen (die eigentlich gerade am frisch gebrühten Kaffee und den Kuchenstückchen schnuppern wollten). „Schaut mal: Hier die Hundehaare von Frau K’s Hund! Und hier die Erdbröckelchen: Die sind bestimmt von den Schuhen von Frau K. Ich habe es mit den Schuhsohlen verglichen, die vor ihrer Türe stehen. Die Form passt genau!“ So genau wollen wir es eigentlich gar nicht wissen. „Aber ist doch interessant, was Kinderaugen so alles sehen“, sagt meine Freundin Karola, während Lukas den Schmutz zum Mülleimer trägt. „Frau K. tut nämlich immer so, als seien es die Kinder, die den Schmutz im Treppenhaus hinterlassen. Alleinerziehende Nachbarin – auf die kann man’s ja schieben.“ Lukas kommt wieder angesprungen: „Ich habe alles aufgeräumt, darf ich jetzt Kuchen essen? Und dann gehe ich in mein Zimmer zum Lego-Bauen!“ Während er zufrieden seinen Kuchen verspeist, plappert er stolz: „Herr F. hat gesehen, dass ich die Treppe sauber mache. Er hat gestaunt, dass ich das schon kann.“

 

Ein ausgeglichenes Kind verschwindet im Kinderzimmer. Von dort hören wir nur noch fröhliche Spielgeräusche.

 

Wir sind immer noch verblüfft: Diese kleine Aufgabe zu erledigen, hat das Kind wirklich verwandelt. Karola ist jetzt auch ganz entspannt und froh, dass es ihrem Söhnchen offensichtlich viel besser geht. „Weißt Du, wenn ich das nicht durchgesetzt hätte und vielleicht sogar noch selber gefegt: Ich hätte mich die ganze Zeit auch über Lukas geärgert. Und dann wären mir irgendwann heute noch die Nerven durchgegangen. Ich weiß es genau.“ Sie formuliert eine Erfahrung, die ich nur allzu gut kenne.

 

Als ich mich einige Zeit später verabschiede, ist da immer noch ein vergnügt und zufrieden spielendes Kind, das seiner Mutter und mir wunderbar ungestörte Zeit zum Schwätzen gelassen hat. Beim Tschüss-Sagen schaut er vom Lego-Spiel auf: „Wenn du jetzt die Treppe runtergehst, siehst du, wie schön ich sauber gemacht habe. Pass auf, dass du die Treppe nicht wieder schmutzig machst!“

 

Auf dem Heimweg denke ich: So also funktioniert familiäre „Ergotherapie“! Mit seinem stolzen Strahlen über dem Kehrichthäufchen hat Lukas mir diesen Tag zum „Be-kehr-ungserlebnis“ werden lassen“.

 

Diesen „Trick“ habe ich seitdem oft angewandt, wenn es darum ging, meine Kinder aus Stimmungslöchern herauszuholen. Eine befriedigende Arbeit hat sich oft als ein guter Trost erwiesen. Und genervte Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Kindern gab es seitdem seltener.

Beate Allmenröder